Karolina Strassmayer

(Altsaxophon, Komposition)

 Auszug aus einem Porträt in SONIC Magazin
Text und Foto: Ssirus W. Pakzad
 

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Seit 2004 sitzt die Österreicherin Karolina Strassmayer im Saxophonsatz der weltweit geachteten WDR Big Band. In ihrer Freizeit kraxelt sie in den Bergen herum, tourt eifrig mit ihrem Quartett KLARO! oder macht die Jazz-Szene ihrer zweiten Wahlheimat New York unsicher.

Da lacht das Künstlerherz. Einerseits hat die Saxophonistin Karolina Strassmayer einen unbefristeten Vertrag mit der WDR Big Band. Andererseits bleibt ihr genug Zeit für die kreative Selbstverwirklichung. Heute ist so ein dienstfreier Tag, den sie nutzt, um mit ihrem Quartett KLARO! auf der Bühne zu stehen. Um 21 Uhr beginnt ihr Konzert. Spätestens um 21.10 Uhr hat dann jeder im Publikum begriffen, warum Karolina Strassmayer den gefragten Posten im Kölner Spitzen-Orchester ergatterte, warum die Leser des amerikanischen Magazins Downbeat sie bei einer Umfrage in die Top Five der Altsaxophonisten wählten und warum die amerikanische Jazzpresse sie als “one of the most interesting alto saxophonists of her generation” (Doug Ramsey), “player with great emotional depth” (Washington Post), and “exuberant and gritty…instantly engaging” (JAZZIZ) bezeichnet.

In ihrem beseelten Spiel, das sich manchmal unerwartete kleine Wendungen erlaubt, liegt eine gesunde Schärfe, die sich am Ende einer Linie oft in einem schönen, runden, weichen, gefühlvoll ausschwingenden Ton auflöst. Stilistisch orientiert sich die Altistin nach hinten und vorne. “Ich bin in der Tradition des Jazz verwurzelt, spüre aber auch den Zug zur Moderne sehr stark,” befindet Strassmayer.

Strassmayer selbst spricht von vielen Zufällen — aber man muss das wohl Bestimmung nennen, was sich in ihrer Vita bislang so abgespielt hat. Im idyllischen Bad Mitterndorf in der Steiermark geboren, wurde sie seit frühester Kindheit von Musik umtost — aber das, was sie da hörte, hatte so rein gar nichts mit dem zu tun, was heute ein gewichtiger Teil ihres Lebensinhalts ist. “Wir haben halt Volksmusik und Klassik gespielt”, sagt sie mit fast entschuldigendem Tonfall. Hier kommt Zufall Nummer 1 ins Spiel. Die ältere Schwester einer Schulfreundin mistete ihre alten Kassetten aus — die landeten schließlich in Karolinas Besitz. “Wir hatten einen ziemlich langen Schulweg, auf dem mich immer mein Walkman begleitete. Ich tat diese Kassette rein, Miles Davis’ “Kind Of Blue”, und die war genau bis zu einer Stelle gespult, an der gerade ein Cannonball Addereley-Solo begann. Ich war total elektrisiert. Ich hatte noch nie Musik gehört, die mich so direkt berührt hat. Es war ein geradezu außerirdisches Erlebnis.”

To make a long story short: Strassmayer hat schließlich an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Graz studiert und erhielt dort ein Stipendium für die New School For Social Research in New York City. “Der Plan war, ein Semester dort zu studieren und wieder zurückzugehen. Aber innerhalb von zwei, drei Monaten wusste ich: Ich muss hier bleiben”, sagt Strassmayer, die ihren New Yorker Wohnsitz nicht aufgegeben hat. “Es war eine wahnsinnig prägende Zeit für mich”, schwärmt sie. “Ich hatte in New York die Gelegenheit, mit unglaublich aufregenden Musikern zu spielen. Ich habe einfach nur versucht, alle Erfahrungen aufzusaugen und so viel wie möglich zu lernen. Was mich beeindruckt hat war, wie fokussiert die Leute dort sind. Man kommt nicht nach New York, um sich’s ein bisserl gutgehen zu lassen, mal ein wenig in den Clubs abzuhängen und bei Bedarf mal ein paar Stunden zu nehmen. Nein, dort muss man Gas geben. Mir hat das gutgetan. Ich brauchte diesen Druck, der mich aus der Reserve lockte.”

Sie hat sich im Big Apple durchgebissen, erspielte sich eine beeindruckende Reputation und trat mit Musikern wie Chico Hamilton, dem Diva Jazz Orchestra, Five Play, dem Duke Ellington Orchestra, Nancy Wilson; spielte auf fünf Grammy-nominierten CDs, und trat als Gastsolistin des New York Pops Orchestra in der Carnegie Hall auf.

Als die WDR Big Band eine Altsaxophonstelle zu besetzen hatte, erhielt Karolina eine Einladung zum Vorspielen. “Und ich dachte nur: Ich will doch gar nicht weg aus New York. Mir geht’s gut, alles wunderbar. Big Band? Hmm… großes Fragezeichen. Ich bin dann doch zum Vorspielen gekommen und fand es super. Als ich dann zurück in New York war, kam das konkrete Angebot — und ich musste mich schnell entscheiden. Oh Gott, was soll ich nur machen. Aber so eine Gelegenheit lässt man nicht verstreichen. Ich bin im Leben mehrfach gut damit gefahren, mich auf die Dinge einzulassen, wenn sie auf mich zukommen.”

Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner, dem New Yorker Schlagzeuger Drori Mondlak, leitet sie ihr Quartett KLARO!, mit dem sie mittlerweile sieben CDs aufgenommen hat.

Wenn sie nicht gerade musikalische Gipfel erklimmt, geht Karolina Strassmayer leidenschaftlich gern Bergsteigen und Klettern. “Da fällt alles von mir ab. Wenn man in der Steilwand hängt, ist es wie in der Musik. Alles andere irrelevant, nur der Moment zählt. Genau das gibt mir Kraft und Lebensfreude.”